Zauberer Robert Houdin

Jean Eugéne Robert wollte wie sein Vater Uhrmacher werden, dass er Zauberer wurde, verdankt sich, wie in vielen anderen Fällen auch, einem Zufall. Einmal verlangte er in einer Pariser Buchhandlung ein Buch über die Uhrmacherei – irrtümlich händigte der Buchhändler ihm jedoch eines über die Zauberkunst aus. Die Beschreibung der Kunststücke übte auf ihn eine solche Faszination aus, dass er darauf verzichtete, es umzutauschen.

 

Auch ein zweiter Zufall muss erwähnt werden: Aufgrund einer Fleischvergiftung brach er eines Tages ohnmächtig auf der Straße zusammen. Und die Person, die ihn auflas und mit zu sich nach Hause nahm, war ein reisender Taschenkünstler namens Torrini...

Während er einige Zeit in dessen Haus verbrachte, brachte ihm dieser Zauberer verschiedene Kunststücke bei, und bei der ein- oder anderen Gelegenheit durfte er ihn in Folge auf der Bühne vertreten. Zunächst jedoch widmete er sich der Uhrmacherei und eignete sich ein umfassendes Wissen über feinmechanische Zusammenhänge an. In Paris arbeitete er im Uhrmachergeschäft eines entfernten Verwandten, dessen Tochter er auch heiratete – zu diesem Zeitpunkt nahm er den Namen Robert Houdin an, unter dem er später berühmt wurde.

In seiner freien Zeit entwickelte er einen schreibenden Automaten, dessen Fertigstellung anderthalb Jahre in Anspruch nahm. Für das Kunststück bekam er auf der Pariser Ausstellung von 1844 eine Silbermedaille. Sein Traum von einem Leben als professioneller Zauberkünstler ließ ihm jedoch keine Ruhe, und obwohl er bereits vierzig Jahre alt war und drei Kinder hatte, unternahm er das Wagnis, in der unruhigen Zeit vor 1848 ein eigenes Theater zu bauen. Hierin gab er am 3. Juli 1945 seine erste Vorstellung. Trotz aller Bemühungen jedoch waren die finanziellen Erfolge der ersten Jahre schwach, woran auch Gastspielreisen nichts änderten. Auch seine beiden Söhne Emile und Eugene wurden in das Bühnenprogramm einbezogen. Emile schwebte in der Luft, was damals ungeheuren Eindruck machte, und Eugene verschwand auf einen Pistolenschuss vom Tisch, um hinten im Saal wiederzuerscheinen.

Einzigartig in der Geschichte der Zauberei ist Robert Houdins Einsatz im kolonialistisch besetzten Algerien. Im Juni 1956 erhielt Robert Houdin vom französischen Obersten de Neveu die Bitte zugetragen, vor den algerischen Stammeszauberern, den sogenannten Marabuts, Vorstellungen zu geben. Die französische Regierung, deren Interessen in Algier bedroht waren, war infolge Versagens der militärischen Optionen nahe daran, ihr Prestige einzubüßen. Deswegen sollte nun Robert Houdin mit seinen Zauberkunststücken Eindruck auf die Führer der Stämme ausüben und sie zur Unterwerfung bewegen. Der Zauberer nahm die Aufforderung an. Über die Kunststücke, die Robert Houdin während seines afrikanischen Abenteuers zeigte, wird Unterschiedliches und auch Widersprüchliches berichtet. So soll er zum Beispiel den "Kugelfang" gezeigt haben, ein Kunststück, bei dem auf ihn geschossen wurde und er als Zauberkünstler die Kugel zwischen den Zähnen auffing. Außerdem demonstrierte er seine Kräfte durch ein Kunststück, indem er eine Truhe so schwer werden ließ, dass sie niemand außer ihm mehr anheben konnte. In seinen später veröffentlichten Memoiren beschreibt er, wie er durch das Verschwinden eines Marabuts einen ganzen Volksstamm in die Flucht geschlagen und durch seine Auftritte einen Aufstand der Kabylen erstickt habe. Wie nahe beisammen hier Dichtung und Wahrheit liegen, vermag man aus der historischen Distanz nicht mehr genau zu bestimmen.

Nach dem Abschluss dieser Reise zog sich Robert Houdin endgültig ins Privatleben und auf sein Landhaus in der Nähe seiner Vaterstadt Blois zurück. Im Bereich der Magie und Zauberei betätigte er sich fortan nur noch als Schriftsteller. Von seinem Haus erzählt man sich wahre Wunderdinge - so stellten sich beispielsweise alle Uhren elektrisch nach einer Turmuhr, und diese wiederum wurde dadurch in Stand gehalten, dass der Diener beim öffnen der Küchentür ein Gewicht anheben musste.

Das Haus, in dem der Zauberer seine letzten Lebensjahre verbrachte, ist heute ein Museum, in dem Zauberexponate und verschiedene Wunder der Feinmechanik ausgestellt werden. Robert-Houdin schrieb dort seine Memoiren sowie verschiedene Zauberfachbücher, die zu den berühmtesten ihrer Art gehören.